Die Rolle sozialer Medien im arabischen Frühling
Die Revolution in Ägypten, beginnend mit dem „Tag des Zorns“, war Teil des sogenannten „Arabischen Frühlings“. Die Demonstrationen in den Städten richteten sich gegen das seit 1981 bestehende autoritäre Regime von Hosni Mubarak. Mubaraks Ägypten war ein Klientelstaat, ohne ein absolutes Ziel, neben der Ausübung von Macht, zu verfolgen (vgl. Günay 2011).
Ein Schlüsselereignis für die Mobilmachung der Massen war der Mord an den ägyptischen Blogger Khaled Said, der am 06. Juni 2010 auf offener Straße von zwei ägyptischen Geheimpolizisten zu Tode geprügelt wurde. Die schockierenden Bilder des Ermordeten gingen um die Welt und führten zu weiteren Protesten. Schließlich wurde ihm im kommerziellen sozialen Netzwerk Facebook mit einer eigenen Seite ein Denkmal gesetzt. Khaled Said wurde zur Revolutions-Ikone des „Arabischen Frühlings“. Die Facebook Seite „Wir sind alle Khaled Said“ wurde vom ehemaligen Nahost Google-Marketingchef Wael Ghonim gegründet. Unter einem Pseudonym organisierte Wael Ghonim über das soziale Netzwerk Facebook einer der ersten Demonstrationen gegen das Regime von Hosni Mubarak. Am 28. Jänner 2011 geriet er bei einer weiteren Protestkundgebung am Tahrir-Platz in Kairo in Haft und wurde erst am 07. Februar 2011 wieder frei gelassen. Wael Ghonim sieht in den Funktionen von sozialen Medien den Grund für die Beschleunigung der demokratischen Bewegungen im „Arabischen Frühling“ (vgl. Ghonim 2012, S. 25-30). Auch die ägyptische Bloggerin Noha Atef wurde zur Symbolfigur der ägyptischen Revolution. Noha Atef erstellte nach einem Bericht mit dem Titel „Erfahrungen von Frauen in Polizeistationen“, der von einer lokalen nichtstaatlichen Organisation herausgegeben wurde und über die Folterung von Frauen in einer Polizeistation berichtet, ein Web-Log. In ihrem Blog tortureinegypt.net schreibt sie über Folter und Misshandlungen durch ägyptische Sicherheitskräfte, publiziert wurden Fotos von Polizisten und ihren Opfern. Zudem richtete Noha Atef auch ein Wiki für die Opfer ein. Bei Wikis wird der Inhalt laufend durch die Online Community überprüft, aktualisiert und verdichtet. Noha Atef erklärte in einem Interview, dass ihr Blog die Beziehungen zwischen den ägyptischen Bürgern und der Polizei sichtbar mache (vgl. Krieger 2011). Wie wir daraus schließen können, sind soziale Medien eng mit Formen des Protests verbunden. Die Multiplikationsfähigkeit sozialer Netzwerke wie Facebook oder Twitter hat die Wege der Mobilisierung von Massen um vielfaches gesteigert. Im Fall von Noha Atef wurde Social Media vorwiegend zur Dokumentation und Vernetzung genutzt.
All diese Beispiele münden in die zentrale Fragestellung „Welche neuen Medien kamen während der Revolution wie zum Einsatz?“ des vorliegenden Essays. Bevor ich jedoch auf die Funktion der neuen Medien eingehe, möchte ich das politische System Ägypten und im Speziellen die Medienpolitik während des Regimes von Hosni Mubarak beleuchten. Denn unter dem autoritären Regime von Hosni Mubarak war die Entwicklung einer unabhängigen Medienlandschaft nicht möglich.
Das politische System in Ägypten
„Gemäß seiner Verfassung ist Ägypten eine präsidentielle Demokratie, deren Grundrechte allerdings von der seit 1981 geltenden Notstandsverordnung de facto außer Kraft gesetzt sind. Der Präsident ist Staatsoberhaupt und verwirklicht in seiner Person die Souveränität des Volkes“ (Jakob-Szidzek 2006, S. 108; Völkel 2008, S. 33). Die Problematik liegt darin, dass das Parlament die Regierung nicht überprüfen kann, sondern nur einen Misstrauensantrag an die Regierung stellen darf. „Im Kern befindet sich tatsächlich ein neopatrimonial anmutender Präsident. Doch das Militär, die wichtigste Stütze des Regimes, ist keineswegs seine Marionette. Es hat institutionelle Eigeninteresse“ (Hartmann 2011, S. 114).
Bei den ersten Präsidentschaftswahlen am 07. September 2005 wurde Hosni Mubarak mit 88 % vom ägyptischen Volk gewählt. Das Ergebnis ist jedoch hart umstritten, weil die Wahlbeteiligung nur bei 32 % lag und der Opposition nur wenige Chancen eingeräumt wurden. Durch die zunehmend stärker gewordenen Oppositionsparteien wurden neue Hürden für Parteigründungen von der Regierung Hosni Mubaraks geschaffen. Diese Hürden zielten besonders gegen die Muslimbruderschaft, „welche trotz jahrzehntelanger Unterdrückung seit den 1970er Jahren eine wiedererstarkte, ernstzunehmende politische Kraft geworden [ist]. […] Aufsehen erregten die Muslimbrüder vor allem im Zuge der Parlamentswahlen im November/ Dezember 2005, als die Vereinigung erstmals offiziell Kandidaten aufstellte und 88 der 444 Parlamentssitze errang und damit die mit Abstand stärkste oppositionelle Kraft wurde […]“ (Völkel 2008, S. 35-36).
Dennoch vergrößerte sich die Kluft zwischen Arm und Reich durch die Reformpolitik Mubaraks. Die Mehrheit der Kairoer Bevölkerung lebt in Armut und schlecht gebauten Gebäuden. Eine halbe Million Ägypter leben sogar in der Stadt der Toten, auf dem Gelände des alten Kairoer Friedhofs (vgl. Günay 2011).
Die Medienlandschaft in Ägypten
Die Sicherheit Ägyptens war zu Zeiten des Regimes einer innenpolitischen Bedrohung ausgesetzt. Hosni Mubarak fürchtete vor allem den Einfluss religiöser Gruppen in Ägypten. Gerade auch deswegen, weil die Delegierten des Regimes nicht den religiösen Vorstellungen des Volkes entsprachen. Dadurch wurde auch der ägyptische Staat vorsichtig. Das Regime des ehemaligen ägyptischen Diktators Hosni Mubarak übte eine strenge Kontrolle über die klassische Medienlandschaft aus. Die staatliche Medienkontrolle hatte dafür zu sorgen, das islamistische Gruppen und andere politische Gegenspieler klein gehalten werden. „Andererseits zeigte die Regierung auf manchen Gebieten große Konzessionsbereitschaft gegenüber den Islamisten, so etwa in den von ihr kontrollierten Medien, wo islamische politische Auffassungen breite Ausdrucksmöglichkeit fanden. Das sollte offenbar der islamistischen Opposition den Wind aus den Segeln nehmen“ (Flores 2012, S. 109). Die größten Medienunternehmen wie die Tageszeitung Al-Akbar sind nationalistisch und regierungsfreundlich eingestellt. Deshalb konzentrierte sich der ägyptische Journalismus nur auf die Repräsentanten des Regimes. Die Zivilgesellschaft und ihre Probleme wurden ausgeblendet. Das liegt auch daran, weil die ägyptischen Printmedien hauptsächlich die Regierung als Informationsquelle nutzten und sich dadurch kein unabhängiger, investigativer Journalismus herausbilden konnte. Durch die Notstandsverordnung und den Artikel 179 wurde die journalistische Freiheit zur Geisel. Von nun an konnte gegen Journalisten eine sehr lange Haftstrafe oder das Todesurteil verhängt werden. „Der Staat hat nicht nur die Kontrolle über die offiziellen Medien, er [griff] auch aktiv in die Personalpolitik der Medien ein, indem er zum Beispiel leitende Medien-Positionen selbst [besetzte]. In vielen Fällen [wurden] die Medien dadurch [zu einer] Art „Propaganda-Apparat“ der Regierungen“ (Khalik 2008, 9). Besonders das Fernsehen zeigt sich großer Beliebtheit in der ägyptischen Bevölkerung. Durch die starke Verbreitung des Fernsehmediums können sehr viele Menschen erreicht werden. „Das Fernsehen ist damit das geeignetste Medium für die Regierung, um meinungsprägend durch Meldungen, Beiträge und Sendungen auf die Bevölkerung einzuwirken. […] Eine einseitige Berichterstattung ist die Folge“ (Khalik 2008, S. 10). Die Programme der öffentlichen Radio- und Fernsehsender werden im hohen Maße staatlich beeinflusst.
Im Bereich des Internets wurden kaum staatliche Restriktionen durchgesetzt. Denn Internetzugänge wurden zuerst nur an loyale Institutionen und nichtstaatliche Organisationen vergeben. Die Regierung erwartete sich hier keine Ausschreitungen und schätzte die Möglichkeiten des Internets zudem falsch ein. Durch diese Voraussetzungen konnte die Mobilisierung des ägyptischen Volkes durch das Internet schon lange vorbereitet werden (vgl. El Gody 2001, S. 650-669).
2001 erreichte das Internet lediglich 350.000 ÄgypterInnen. Gemessen an der Einwohnerzahl Ägyptens mit etwa 62 Millionen Menschen, ist das ein sehr geringer Anteil. Im Jahr 2008 lag die Anzahl der ägyptischen Personen mit einem Internetzugang bei sieben Prozent. In Bezug auf die Internetnutzung liegt die Problematik auch darin, dass der Großteil der ägyptischen Bevölkerung Analphabeten sind und ein zu geringes Einkommen aufweisen, sodass sie sich keinen Zugang zum Internet leisten können. Nicht zuletzt ist auch die sprachliche Barriere ein Problem in der Nutzung des Internets. Die meisten Websites sind von englischer oder europäischer Herkunft. „Hohe Internetgebühren sorgen jedoch dafür, dass sich nur wenige Menschen die Nutzung des Internets leisten können. Internetdebatten werden über Religion und Politik werden genauestens von der Regierung beobachtet“ (Khalik 2008, S. 17).
Die Bedeutung der neuen Medien für die Revolutionsbewegung in Ägypten
In so einem politischen Umfeld wird den Medien eine wichtige Rolle zuteil. Einerseits wird nicht nur über Politik berichtet, sondern durch die Medien erst die Möglichkeit geschaffen diese auch mitzugestalten.In erster Linie wurden die neuen Medien zur Mobilisierung von Massen eingesetzt. Die neuen Medien haben bei den Umbrüchen eine bedeutende, wenn auch von Land zu Land unterschiedliche, Rolle gespielt. Facebook war anfänglich das wichtigste Medium zur Mobilisierung der Bevölkerung. Gerade soziale Netzwerke und neue Medien schlugen Brücken zwischen den Aktivisten und den ägyptischen Bürgern. Aus diesem Grund wird im Speziellen auf die Verwendung und Funktionen der neuen Medien eingegangen.
Neue Medien besitzen wie herkömmliche Medien vier prinzipielle Funktionen in Bezug auf politische Prozesse. In erster Linie erfüllen neue Medien eine Sozialisationsfunktion. Die Medien beeinflussen die individuelle Entwicklung eines Menschen. Des Weiteren haben Medien auch eine Bildungs- und Informationsfunktion. Beispielsweise wird die Bevölkerung durch die Weitergabe von Informationen zur politischen Teilhabe befähigt. Die dritte Funktion ist die Meinungsbildungsfunktion. Die Medien lassen einen Diskurs zu und sorgen zudem für eine Reduzierung der Komplexität von politischen Themen. Die Kritik- und Kontrollfunktion von Medien sorgt dafür, dass politische Akteure kritisch beobachtet werden und etwaiges Fehlverhalten durch die Medien öffentlich gemacht wird. (vgl. Schreyer 2005, S. 143f).
Die neuen Medien und grundsätzlich alle sozialen Netzwerke leben von der Interaktion der Nutzer und den Austausch von medialen Inhalten. Ohne diese Grundvoraussetzungen können soziale Netzwerke nicht bestehen. Soziale Netzwerke wie Facebook, Content Communities wie YouTube, Web-Logs wie blogger.com oder Microblogs wie Twitter haben das Internet nachhaltig geprägt (vgl. Kaplan/ Haenlein 2010, S. 59-67). In Bezug auf die schwierige Situation während des Regimes von Hosni Mubarak wurde das Internet durch die Zugänglichkeit zum Werkzeug der Opposition und der Bevölkerung.
Vor diesem Hintergrund spielt auch der Bürgerjournalismus eine wichtige Rolle. Die Protestbewegung in Ägypten entwickelte sich zu einem Paradebeispiel in Sachen Bürgerjournalismus.
Jeder Mensch kann sprichwörtlich zum Bürgerjournalisten beziehungsweise zur Bürgerjournalistin werden. Ein Blog ermöglicht im Gegensatz zu den klassischen Massenmedien einen interaktiven Austausch zwischen Bloganbieter und LeserInnen (vgl. Michniewicz 2010, S. 42-44). „Der Bürgerjournalismus hat durch die authentisch wirkenden Momentaufnahmen von Ereignissen, wo die nationale Presse zensiert wird, eine neue Relevanz erfahren“ (Michniewicz 2010, S. 46).
Über den Microblogging-Dienst Twitter und über die Content Community YouTube sendeten junge Ägypterinnen und Ägypter Informationen über Massenproteste um die Welt. Vor allem die Vernetzung klassischer und neuer Medien war für die politischen Umbrüche entscheidend. Das Zusammenspiel von verschiedenen Medien veränderte die Kommunikationsprozesse grundlegend und machte erst die Umstürze in Ägypten möglich. Es konzentrierte sich nicht alles auf das Medium Internet. Die Informationen über Proteste, Auseinandersetzungen und Festnahmen wurden über viele Kanäle verbreitet.
Der Vorteil von Facebook ist mit Sicherheit die schnelle Verbreitung von Informationen. Durch die Teilen-Funktion werden Nachrichten multipliziert und dadurch wird mehr Aufmerksamkeit generiert. Beispielsweise wurden über Facebook, Tipps zur Ausrüstung und zum Schutz vor polizeilicher Gewalt weiter gegeben. Es wurden Informationen über die Anfertigung von Schutzwesten gegen Gummigeschosse bis hin zum Einsatz von Zwiebeln und Coca Cola gegen Tränengas über Facebook geteilt. Bereits am ersten Protesttag kam es zu heftigen Ausschreitungen zwischen den Demonstranten und Sicherheitskräften und ab diesen Zeitpunkt kam es zur einmaligen Verknüpfung der Medien. Mit Smartphones wurden die Proteste gefilmt, über YouTube weltweit verbreitet und über den arabischen Nachrichtensender Al-Jazeera wieder verbreitet. Dem Nachrichtensender Al-Jazeera wurde am 30. Jänner 2011 ein Arbeits- und Empfangsverbot in Ägypten verordnet. Dadurch erschwerte sich die Verbreitung der Informationen erheblich. Dennoch lieferten Twitterfeeds aus den ägyptischen Kleinstädten wichtige Informationen zur dortigen Lage. Auch die Nachricht über den Tod Hosni Mubaraks machte zuerst auf Twitter die Runde.
Obwohl ägyptische Blogger für ihre Inhalte festgenommen und gefoltert wurden, versuchten die Blogger die Informationsfunktion aufrecht zu erhalten. „Blogs bieten eine Möglichkeit sich auszudrücken, die eigene Meinung auch zu brisanten Themen preiszugeben“ (Khalik 2008, S. 17). Es kommt aber immer wieder vor, dass ein Thema für die Print- und Rundfunkmedien zu brisant ist, um es zu veröffentlichen. Deshalb werden diese Themen dann oft von Bloggern recherchiert und veröffentlicht (vgl. Schäfer 2008, S. 90).
Literatur
Assenburg, Muriel/ Roll Stephan (2011): Ägyptens Stunde null?, in: SWP-Aktuell. Ausgabe 10. Deutsches Institut für internationale Politik und Sicherheit. Berlin
El Gody, Ahmed (2001): Medien in Ägypten, in: Internationales Handbuch für Hörfunk und Fernsehen 2001/2002, Hrsg.: Hans-Bredow-Institut für Medienforschung und die Universität Hamburg. Baden-Baden
Flores, Alexander (2012): Säkularismus und Islam in Ägypten: Die Debatte der 1980er Jahre. Lit Verlag. Berlin
Günay, Cengiz (2011): Mubarak’s Egypt: bad paternalism, and the army’s interest in managed transition, in: http://www.opendemocracy.net/cengiz-g%C3%BCnay/mubaraks-egypt-bad-paternalism-and-armys-interest-in-managed-transition (15.11.2011)
Hartmann, Jürgen (2011): Staat und Regime im Orient und in Afrika: Regionenporträts und Länderstudien. VS Verlag für Sozialwissenschaften. Wiesbaden
Kaplan, Andreas/ Haenlein, Michael (2010): Users of the world, unite! The challenges and opportunities of Social Media, in: Business Horizons. Ausgabe 53 (1). Kelley School of Business. Indiana
Krieger, Anja (2011): Noha Atef über ihr Blog Tortureinegypt.net, in: http://netzdebatte.bpb.de/2011/04/15/noha-atef-uber-ihr-blog-tortureinegypt-net/ (24.09.2012)
Michniewicz, Marta (2010): Bürgerjournalismus in der digitalen Öffentlichkeit. Diplomica Verlag. Hamburg
Schäfer, Jan Michael (2008): Protest in Ägypten. Wie Al-Jazeera und andere Medien die Kifaya Bewegung möglich machten. Frank Timme Verlag. Leipzig
Völkel, Jan Claudius (2008): Die Vereinten Nationen im Spiegel führender arabischer Tageszeitungen. VS Verlag für Sozialwissenschaften. Wiesbaden